Fidel Castro und José Martí – Vereint auf dem Cementerio Sta. Ifigenia in Santiago de Cuba

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Auf dem Cementerio Sta. Ifigenia – seit 1937 Nationaldenkmal Kubas –  sind zahllose bekannte Persönlichkeiten, Helden der Unabhängigkeitskriege und der Kubanischen Revolution , Mitglieder wohlhabender Familien, Zuckerbarone und Rumdynastien wie Emilio Bacardi, oder Musiker wie Compay Segundo, prominentes Mitglied des Buena Vista Social Club, in Marmor oder Granit gebettet und friedlich vereint.

Der Tag unseres Besuchs war regnerisch und  wolkenverhangen, geeignet für einen Besuch auf dem Friedhof.

 

José Martí ( 1853 -1895)

Dichter, Journalist, Essayist, politischer Redner und Patriot:  José Martí ist eine Symbolfigur für Kubas Unabhängigkeitskampf gegen Spanien. Er organisierte und einigte die Unabhängigkeitsbewegung und starb im Kampf gegen die spanische Kolonialmacht.
Sein Name steht für die Freiheit in ganz Lateinamerika.

Martís zahlreiche Reisen nach Zentralamerika und sein Exil in Mexiko, Spanien und den USA formten seine Vision: eine gerechte Republik für alle, Agrarreform und Bildung. Humanismus und sozialer Frieden. Sein Bild von Cuba libre ist geprägt von sozialistischen, aufklärerischen und mystischen Zügen.

 

Martí lehrte uns seinen glühenden Patriotismus, seine leidenschaftliche Freiheitsliebe, die Würde und die Achtung des Menschen, seinen Abscheu gegenüber dem Despotismus und sein uneingeschränktes Vertrauen in das Volk. In seinem revolutionären Werk fanden wir das moralische Fundament und die historische Rechtfertigung für unseren bewaffneten Kampf. Daher sagen wir, dass er der geistige Vater des 26. Juli ist […]
Fidel Castro über José Martí

Trotz militärischer Erfolge konnte die spanische Kolonialherrschaft nicht gestürzt werden.
Die Wende brachte der militärische Eingriff der USA im April 1898 (spanisch-nordamerikanischer Krieg).
Er hatte allerdings auch seinen Preis.

Das Platt-Amendment (1901) (Verfassungszusatz) gab den USA folgende Rechte:

  • die Aufsicht über Kubas internationale Verpflichtungen, die Wirtschaft und innere Angelegenheiten
  • die Errichtung einer Marinebasis an der Südostküste Kubas: Guantánamo Bay

Die meisten Bestimmungen wurden 1934 im Rahmen der Good Neighbor Policy von Franklin D.  Roosevelt aufgehoben.
Der Marinestützpunkt blieb – bis heute berühmt-berüchtigt.

Es dauerte noch bis 1959, dass Batista sich von dem Revolutionär Fidel Castro und seinen Truppen und Anhängern geschlagen gab und das Land verließ.

José Martí scheint wie kein anderer eine Integrationsfigur in Kuba zu sein. Jede Stadt hat ein Denkmal und viele Hauseingänge ziert eine Büste von ihm.

Statue vor dem ältesten Hotel Havannas, dem Inglaterra

Guantanamera und seine politische Dimension

José Martí ist ein angesehener kubanischer Dichter.  Auf  einige Verse seines Gedichtzyklus Versos Sencillos geht der Text Guantanamera zum gleichnamigen Lied zurück, das von Kuba um die Welt ging und ins feste Repertoire kubanischer Musiker gehört  – und internationaler Touristen.
Dabei steht für Touristen meist das folkloristische Moment und der hohe Bekanntheitsgrad im Vordergrund.

Der Protagonist stellt seine Aufrichtigkeit in den Vordergrund und den Wunsch nach ehrlicher, offener Freundschaft.
Die Farben grün, rot und weiß mögen auf die Revolution, Hoffnung, Treue und Sehnsucht verweisen.
Er ist verletzlich wie ein verwunderter Hirsch. Die Strophen klingen wehmütig, fast traurig.
In der letzten Strophe bekundet der Sänger seine Solidarität mit den Armen der Erde und seinen Vorsatz, sein Schicksal mit ihnen zu teilen.
Der zunächst sehr kubanische Kontext (Region Guantánamo, da, wo die Palme wächst) ohne offene politische Haltung erfährt in der vierten Strophe einen internationalen Bezug mit politischer Absicht.

Der Refrain

Guantanamera, guajira Guantanamera
Guantanamera, guajira Guantanamera

verweist auf die kubanische Liedform Guajira, einem Musikstil des ländlichen Raums.
José Fernández Díaz hat den Refrain häufig im Radio gesungen und dem Song dadurch Popularität verschafft.

Als Pete Seeger die Guantanamera 1963 erstmals in New York sang, war es eine Solidaritätsbekundung mit der kubanischen Revolution. Ein Jahr später begannen die USA den erfolglosen Vietnamkrieg und Guantanamera wurde zum Protestlied der US-Friedensbewegung. Zahlreiche Weiterentwicklungen und Anpassungen des Liedes machten und machen es zu einem Synonym für den Kampf um Frieden und Gerechtigkeit.

José Martís Grab

¡Yo quiero, cuando me muera sin patria, pero sin amo, tener en mi losa
un ramo de flores, y una bandera! 

Wenn ich sterbe ohne Vaterland, aber ohne Meister, wünsche ich mir auf meiner Grabplatte
einen Blumenstrauß und eine Flagge.

(aus: Versos Sencillos XXV)

https://www.literatura.us/marti/sencillos.html)

 

Fidel Castro ( 1926 -2016 )            

Weltweit bekannter erfolgreicher und charismatischer Führer der kubanischen Revolution seit 1953 und fast 50 Jahre Präsident Kubas.
Jahrzehntelang trat er in Uniform und Kampfstiefeln auf  (bevor er zuletzt auf bequemere Trainingsanzüge von Adidas und Puma umschwenkte) mit einer Cohiba – Zigarre in der Hand.
Einmal Revolutionär, immer Revolutionär.

Er etablierte einen kubanischen Sozialismus (Castrismus, Fidelismus) mit hierarchisch gegliederter kommunistischer Einheitspartei, starkem Staat, zentralisierter Führung, geprägt von und verkörpert durch seine Person.
Mit seinen Gegnern gingen er und Che Guevara in den Anfangsjahren nicht zimperlich um.  Sie wurden verfolgt, verhaftet, in Arbeitslager gesteckt, hingerichtet. Bürger wurden von den CDRes (Komitees zur Verteidigung der Revolution) bespitzelt, der Mangel verwaltet.
Es folgten Enteignungen von Großgrundbesitzern und amerikanischen Unternehmen.

Gleichzeitig startete er eine Alphabetisierungskampagne und sorgte dafür, dass Gesundheitsversorgung und Bildung für alle kostenlos sind. Beides ist im lateinamerikanischen Vergleich vorbildlich.
Seine Redegewandtheit, sein starker Wille, seine  Überzeugungskraft und physische Kondition (seine Reden dauerten oft stundenlang, ohne dass Castros Konzentration sichtbar nachließ) waren eindrucksvoll und einschüchternd über die Grenzen Kubas hinaus.

Fidel Castro war als Politiker umstritten, Hoffnungsträger für die Armen und Unterdrückten, Held oder Hassobjekt, je nach Perspektive und politischer Einstellung. Er war sicherlich unbequem, stur und kompromisslos.

 

Für alle, die sich das Lesen der langen, aufzählenden Definition von Revolution ersparen möchten, hier die Kernbegriffe, die praktischerweise an der gleichen langen Hauswand wie das überlebensgroße Wandbild von Castro mitgeliefert werden.

Der 26. Juli 1953-  das Fiasko
des Sturms auf die Moncada Kaserne

 

Der 26. Juli ist ein kubanischer Nationalfeiertag. Er markiert den erfolgreichen Beginn des Siegeszuges der Revolution – obwohl der Tag in einem Fiasko endete.  Victoria de las ideasein Sieg der Ideen.

Bei der Erstürmung der Kaserne durch Fidel Castro und seine Anhänger ging alles schief, was schief gehen konnte. Es gab Tote und Verhaftete, Folter und Gewalt.
Fidel Castro selbst wurde verhaftet, aber nach drei Jahren in einer Generalamnestie begnadigt und entlassen.
Es ist bezeichnend, dass er sich selbst anwaltlich vertrat und in seiner legendären Verteidigungsrede vom 16. Oktober 1953 seine Ankläger beeindruckte.
Und wie sollte es anders  in Kuba sein? Der 26. Juli wird in einem Lied von Carlos Puebla besungen!

La historia me absolverá

Die Geschichte wird mich freisprechen ist der Schlusssatz und die Quintessenz von Castros Verteidigungsrede am 16. Oktober 1953.

Castro sieht sich in der Tradition von José Martí. Seine Verehrung für Martí kommt in der Rede deutlich zum Ausdruck und wird durch  mehrere längere Zitate bestärkt.
Das erklärte Ziel seiner langen (!), logisch aufgebauten und mit vielen detailreichen Fakten angereicherten Ausführungen ist die Rechtfertigung für seinen rechtmäßigen Aufstand gegen die diktatorische Regierung Batistas.

Er bezieht sich auf das in der kubanischen Verfassung von 1940 verankerten Recht auf Widerstand gegen eine undemokratische Regierung. Und verweist auf die Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie John Locke, der das Recht auf Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung formuliert hat.
Sowohl die englischen Siedler in Nordamerika als auch Fidel Castro berufen sich auf John Lockes Postulat.
In voller Länge zitiert Fidel Castro den Passus aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 , die sich ausdrücklich auf das Widerstandsrecht stützt:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. — That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, — That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. 

aus: http://www.ushistory.org/declaration/document/

 

 

Fidel Castros Grab

Im Vergleich zu Martís Grab erscheint Castros Grab sehr bescheiden, wenngleich es scharf bewacht ist und die genaue Einhaltung des vorgeschriebenen Wegs sowie der Anzahl der Personen, die am Grab stehen dürfen, unmissverständlich eingefordert wird.
Die Grabplatte trägt nur den Namen Fidel.  Der über vier Meter große und zwei Tonnen schwere graue Fels soll aus der Sierra Maestra stammen, dem Gebirge um Santiago de Cuba. Nur durch das Zitat über die Revolution aus der Rede vom 1. Mai 2000 (siehe oben) auf dem benachbarten Granitblock im Rahmen der Gedenkstätte für die Gefallenen wird sichtbar, um wen es sich handelt.

Zwei Dinge gehen mir durch den Kopf

  • Ich stelle mir vor, wie José Martí und Fidel Castro im kubanischen Jenseits unter Palmen (de donde crece la palma, s. oben 1. Strophe von Guantanamera) sitzen und bei Rum und Zigarren über die alten Zeiten reden.
  • Und ich könnte mir, wenn ich mal wieder nach Kuba komme, von Straßenmusikanten  Guantanamera oder Para nostros siempre  es 26 wünschen  – oder doch lieber Chan Chan

8 Replies to “Fidel Castro und José Martí – Vereint auf dem Cementerio Sta. Ifigenia in Santiago de Cuba”

  1. Liebe Barbara,

    es ist ersichtlich, dass in diesem Artikel noch mehr Arbeit als sonst steckt.
    Es hat sich gelohnt!
    Als Leser erhält man einen vielschichtigen und wichtigen politisch-historischen (und sogar noch musikalischen!) Eindruck.
    Danke!

    1. Lieber Daniel,
      sehr gerne. Du weißt ja, wie das ist. Man fängt ganz harmlos an, und dann recherchiert man immer weiter und weiter. Natürlich kann Vollständigkeit nicht mein Ziel sein, aber ich bin zufrieden, wenn ein differenziertes Bild entsteht. Ich hoffe, dass ich dem Phänomen Kuba einen Schritt näher gekommen bin.

  2. „Fidel Castro war als Politiker umstritten, Hoffnungsträger für die Armen und Unterdrückten, Held oder Hassobjekt, je nach Perspektive und politischer Einstellung. Er war sicherlich unbequem, stur und kompromisslos.“

    Er hatte einen Kompromiss mit der kubanischen Revolution und er hat sein ganzes Leben dafür geopfert.
    So groß war er,dass er noch viele Jahre in unseren Herzen bleiben wird. Ich finde keine Worte, um es auszudrücken…

    1. Lieber Osmany,
      herzlichen Dank, dass du deine sehr bewegende Einschätzung zu Fidel Castro mit uns teilst. Es ist mir wichtig, eine – deine – kubanische Stimme zu hören.

  3. Liebe Barbara,
    ein interessantes Thema, das von Dir wieder visuell und sprachlich gut „rübergebracht“ wurde. Fidel Castro berief sich auf Jose Marti als Inspirationsquelle und Vorbild und hat in mancher Hinsicht für Kuba und die Kubaner – im Verhältnis zu anderen Ländern dieser Region – enormes vollbracht. Vom Ideal Marti´s blieb in der Realität und im politischen Alltag allerdings viel auf der Strecke. Es war für viele Oppositionelle unter Castro ein „teurer Spaß“ sich zur eigenen Meinung zu bekennen. Jose Marti ist dagegen quasi bis heute unangreifbar, weil er sich nicht in die Niederungen der praktischen Politik begeben musste und konnte. Sein Idealismus bleibt unbefleckt.

    1. Lieber Rainer,
      da hast du sehr recht. Bevor Martí irgendeine Idee hätte praktisch umsetzen können, war er schon tot. Und ich bin mir nicht sicher, ob er sehr klare Vorstellungen davon hatte, wie der Umbau des Staates hätte vollzogen werden können. Martí kann nicht an seinen Taten gemessen werden, Castro muss sich an seinen Taten messen lassen.

  4. Ein wirklich sehr guter Text, versehen mit wunderbaren Fotos, liebe Barbara. Ich glaube Du triffst den zwiespältigen Einfluss, den die beiden Charaktere Martí und Castro auf Kuba hatten, sehr gut. Chapeau!

    1. Lieber Florian,
      danke für deine Rückmeldung. Das erleichtert mich sehr. Ich fand die Balance zu finden zwischen Faktischem, Verständnis, Empathie und Kritik sehr herausfordernd. Auch wenn ich weiß, dass ich keine Seminararbeit abliefern muss. Ich habe auch, als ich die Idee hatte, etwas zu den Grabstätten und Personen zu schreiben, nicht absehen können, wie aufwendig und spannend zugleich die Geschichte sein würde. Ich habe jede Menge dazu gelernt.

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