Von meiner Reise ins frühchristliche, byzantinische und langobardische Italien möchte ich euch einen Einblick in das Fußbodenmosaik des Hauptschiffes von Aquileia und die wunderbaren, farbintensiven und legendären Wand-und Kuppelmosaiken von Ravenna geben.
Ich habe seit Jahren zwei Bildbände über diese Mosaiken im Regal stehen, habe es aber jetzt erst geschafft, sie mit meinen eigenen Augen zu bestaunen.
Und wer schon einmal dort war, wird mir recht geben. Im Kontext des Raumeindrucks ist das Betrachten der Mosaiken ein Hochgenuss.
Das können meine Fotos in dem Maße nicht widergeben. Aber vielleicht sind sie eine Anregung und Verführung, die Mosaiken in Ravenna einmal selbst zu besuchen.
Das Fußbodenmosaik in der Basilika von Aquileia
Die geografisch und daher strategisch günstige Lage zwischen Udine und Triest am Schnittpunkt der antiken Verkehrswege zwischen Italien und den Provinzen im Donau- und Balkanraum begünstigte den raschen Aufstieg der im Jahr 181 v. Chr. gegründeten Stadt Aquileia zu einer der größten Metropolen des antiken Italien. Man nimmt an, dass die Stadt in der römischen Kaiserzeit – im Gegensatz zur heutigen Kleinstadt mit 3.000 Einwohnern – bis zu 100 000 Einwohner beherbergt hat.

Die frühchristliche Basilika ist ein Kirchenkomplex auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Jahrhunderten. Der Baubeginn war am Anfang des 4. Jahrhunderts und wurde durch Um-und Erweiterungsbauten ergänzt und nach dem Erdbeben von 998 unter Patriarch Poppo erneuert.

(aus: https://homepage.univie.ac.at/dorothea.weber/Exkursion11/Aquileia%20II.pdf, S.4)

Fußbodenmosaiken kennen wir aus römischer Zeit, wo sie vor allem als Bodenbeläge in öffentlichen Gebäuden, Thermen und Villen dienten, weil sie Langlebigkeit mit Ästhetik verbanden.
In dieser Tradition stehen auch die Mosaikböden von Aquileia.
Sie sind geprägt von geometrischen und pflanzlichen Ornamenten, Tierdarstellungen und Bildmotiven.
Christliche Motive sind eher unauffällig eingefügt.
Das Mosaik im Südsaal (s. oben im Grundriss „S“) der Kathedrale bedeckt den gesamten Boden der Basilika.
Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts freigelegt und ist mit einer Gesamtfläche von 750 Quadratmetern das größte erhaltene Mosaik aus frühchristlicher Zeit.
Das Bodenmosaik ist aufgeteilt in 10 zusammen gehörende Felder. Die Steine sind nicht gefärbt, sondern wurden nach ihrer natürlichen Farbe ausgesucht.
Der Mosaikboden ist übrigens nicht so eben und glatt, wie er auf den Fotos aussieht, sondern ziemlich wellig.


Links: vier Bildmotive (Emblemata) eingerahmt von einfachen und komplexen salomonischen Knoten.
Rechts: ein achtarmiger Oktopus mit kugelrunden Augen umringt von anderen Fischen. Der hat mir besonders gefallen!


Der Hahn und die Schildkröte, die den Kampf zwischen Licht (Hahn) und Finsternis (Schildkröte) darstellen. Eingerahmt durch eine Bordüre von salomonischen Knoten und geometrischen Formen.

Eine Ranken-Bordüre mit Vögeln

Die alttestamentliche Jonaslegende wurde nachträglich eingefügt.
Von den drei dargestellten Szenen der Jonaslegende habe ich das dritte Mosaik Jonas unter der Kürbislaube ausgewählt.
Wie Jonas nach seinem dramatischen Erlebnis dort unter der Laube chillt, hat etwas sehr Menschliches und Sympathisches. Inhaltlich korrespondiert auch dieses Mosaik mit der entsprechenden Bibelstelle: Da befahl der Herr dem Fisch, Jona ans Land zu speien. (Jona, 2, 1-11)

Zur Besichtigung von Aquileia sollte man sich Zeit nehmen. Bei den Mosaiken gibt es so viel zu entdecken, aber auch die Wand-und Deckenmalereien in der Krypta sind sehr sehenswert.
Und in einer Pause kann man bei einem Aperol Spritz entspannen wie Jonas unter seiner Laube – nur eher in bekleidetem Zustand.
Ravenna
Mit den Sakralbauten des frühen Christentums gewannen die Wandmosaiken große Bedeutung – noch in spätantiker Tradition, aber mit neuen Inhalten und Ausdrucksformen. Nun sollte der Blick nach oben gelenkt werden, hin zu den biblischen Szenen, zu den Heiligen und Würdenträgern. Die Dekorationen fanden sich in den wichtigsten Bereichen repräsentativer Kirchen – vor allem in der Apsis und im Kuppelgewölbe.
Ab dem 4. Jahrhundert verbreitete sich die Mosaikkunst von Rom und Byzanz aus auf hohem Niveau in den Süden und Osten Europas.
Welche Leistungen sie hervorbrachte, lässt sich sehr intensiv in Ravenna erleben:
Im 5. Jahrhundert zur Residenz der weströmischen Kaiser aufgestiegen, wurde die Stadt im
6. Jahrhundert zur Hauptstadt des byzantinischen Herrschaftsgebietes in Italien. Von jener Blütezeit zeugen Kirchen, Taufkapellen und Mausoleen, die mit herausragenden Monumentalmosaiken ausgestattet sind. Sie verzaubern durch die Strahlkraft ihrer Farben. Die Wirkung des Lichts wurde z.B. durch Alabasterfenster mit einkalkuliert und intensivierte die theologische Botschaft.

St. Laurentius im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna
Die intensive Farb- und Tiefenwirkung erreichten die Mosaizisten durch Kombination von Glastesserae in unterschiedlichen Nuancen. In herausgehobenen Partien kam sogar Edelmetall zum Einsatz.
Dafür wurden transparente Glassteine mit Blattgold überzogen. Auf den Leuchteffekt zielte auch eine raffinierte Neuerung bei der Setztechnik ab: Hatte man bei den Bodenmosaiken eine kompakte, möglichst glatte Oberfläche angestrebt, wurden die Tesserae jetzt in bestimmten Bereichen schräg und unregelmäßig platziert. So ergaben sich stärkere Reflexe und das spezielle Funkeln.
Ich konzentriere mich exemplarisch auf das Baptisterium der Orthodoxen (Dom-Baptisterium), das Baptisterium der Arianer und die Mosaiken in Sant’Apollinare Nuovo und meine persönlichen Favoriten, das Mausoleum der Galla Placidia, San Vitale und Sant’Apollinare in Classe.
Zwei Taufszenen: das Baptisterium der Orthodoxen und das Baptisterium der Arianer
Das Baptisterium der Orthodoxen (Dom-Baptisterium)
Das Baptisterium (rechts im Bild) geht auf das späte 4. oder frühe 5. Jahrhundert zurück, als Bischof Ursus (ital. Orso) mit dem Bau der Kathedrale von Ravenna (großes Gebäude im Bild) begann. Es ist als achteckiger Ziegelbau mit niedrigen Apsiden, die dem Gebäude einen quadratischen Grundriss geben, errichtet worden. Das Gebäude hat ein flaches achtseitiges Dach; die annähernd halbkreisförmige, aus Tonröhren bestehende Kuppel im Innern ist von Außen nicht sichtbar.

Die Mosaikdarstellung in der Kuppel ist in drei Zonen eingeteilt:
In der Mitte der Kuppel sehen wir einen großen Kreis, in der die Taufe Christi im Jordan dargestellt ist.
In der zweiten Zone stehen die Figuren der 12 Apostel.
In der äußeren Reihe sehen wir acht tempelartige Darstellungen entweder mit kleinen Altären, auf denen die Evangelienbücher liegen, oder mit Thronen (Symbol der Allmacht Gottes), die das Kreuz tragen.
Das Ganze symbolisiert ein Bild der Kirche, in die man durch die Taufe eintritt.

Gesamtansicht

äußerer Ring (Ausschnitt), Altäre alternierend mit leeren Thronen

zweite Zone: von Petrus und Paulus angeführte Apostel mit Kronen in den meist verhüllten Händen; dazwischen stilisierte Pflanzen. Oberhalb des blauen Hintergrundes läuft ringsherum ein girlandenartiger Volant.

Die Kuppelmitte nimmt ein großes, goldgrundiges Medaillon mit der Taufe Christi ein.
Jesus steht in der Mitte des Flusses Jordan, personifiziert durch eine neptunähnliche Gestalt.
Der Begriff Jordan wird auch noch ausbuchstabiert. Kein zielführendes Unterfangen, weil man es von unten nicht lesen kann.
Johannes der Täufer steht erhöht am Ufer des Jordan rechts von Jesus, mit einem Fell spärlich bekleidet. Er hält ein Kreuz und gießt mit der anderen Hand Wasser über das Haupt Jesu.
Über der Szene schwebt eine weiße Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert.
Das Baptisterium der Arianer
Das Baptisterium der Arianer ist ein achteckiger Zentralbau, der gegen Ende des 5. Jahrhunderts errichtet wurde, als Theoderich der Große in seiner Herrschaft bestärkt und das Christentum in der arianischen Auslegung offizielle Hofreligion wurde.
In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts wurde die Taufkapelle in ein katholisches Oratorium umgewandelt.

Im Vergleich zum Baptisterium der Orthodoxen verfügt das Baptisterium der Arianer über einen geringeren Kuppeldurchmesser, der nur ein vereinfachtes Bildprogramm zulässt.

Um die Taufszene herum ist der auf einen leeren Thron (s. oben im Bild) gerichtete Zug der Apostel vor goldenem Hintergrund wiedergegeben, der das Ziel des Zuges darstellt und für die Wiederkunft Christi und das Weltgericht bereit steht (Hetoimasia). Die meisten Apostel tragen eine Krone. Ihre Hände sind verhüllt.
Rechts vom Thron steht Petrus mit dem symbolischen Schlüssel, links Paulus mit zwei Buchrollen.
Die immergrünen Siegespalmen zeichnen sie als Märtyrer aus und stehen für den Triumph des Christentums in der Zeit der Christenverfolgungen, die Überwindung des Todes und das ewige Leben danach.


Die zentrale Szene in der Kuppel stellt Christus dar, der bis zur Hälfte nackt im Wasser des Jordan
steht. Er ist jung und bartlos dargestellt.
Der Körperteil unter Wasser ist sehr kunstvoll ausgeführt durch die wechselnden Reihen
der blauen Mosaiksteinchen.
Der Fluss Jordan wird links von Christus (Blick des Betrachters) durch einen alten Mann verkörpert.
Seine Natur ist durch das grüne Gewand betont, das genauso wie der Uferteil
rechts ausgeführt ist. Außerdem ist er mit den typischen Flußgottheit-Attributen versehen:
Krebsscheren und einem Krug, aus dem Wasser strömt.

Rechts ist Johannes der Täufer zu sehen. Er steht erhöht am Ufer und legt Jesus die Hand auf das Haupt.
In dieser Darstellung speit die weiße Taube (Symbol des Heiligen Geistes) das Taufwasser in einem Strahl direkt auf das Haupt Jesu.
Im Unterschied zur orthodoxen Lehre wird gemäß der arianischen Lehre Jesus nicht wesensgleich mit Gottvater gesehen. Er gilt als das erste, vollkommene Geschöpf Gottes, das einen zeitlichen Anfang hat und dem Vater untergeordnet ist.
Dieses Baptisterium spricht mich wegen der Reduktion des Bildprogramms und der Reduktion auf die Farben gold, grün, weiß mehr an. Es wirkt harmonischer und die Botschaft ist klarer. Weniger ist für mich hier mehr.
Sant’Apollinare Nuovo


Die Kirche ist eine dreischiffige Basilika, deren auffälligstes Merkmal die mit Mosaiken verzierten Innenwände des Mittelschiffs sind. Theoderich, der dem arianischen Glauben anhing, hatte die Kirche wohl zu Beginn des 6. Jahrhunderts Jesus Christus weihen lassen, danach wurde Martin von Tours ihr Titelheiliger. Ihren heutigen Namen erhielt sie erst im 9. oder 10. Jahrhundert durch die Überführung der Gebeine des hl. Apollinaris aus Classe nach Ravenna.

Die Mosaiken sind auf beiden Seiten des Mittelschiffs in drei Zonen gegliedert, wobei jede Zone mit der ihr gegenüberliegenden thematisch übereinstimmt.
Die oberste Ebene stellt einen christologischen Zyklus dar, der auf der einen Seite von der Passion Christi und auf der anderen von der Wundertätigkeit Jesu berichtet.
Darunter sind neben den Fenstern jeweils 16 Männer dargestellt, die ähnlich wie Philosophen in eine Toga gehüllt sind und Schriftrollen in ihren Händen halten.
Auf der untersten Ebene ist eine Prozession von heiligen Männern und Frauen zu erkennen, die ausgehend von der Stadt Classe mit seinem Hafen und dem Palast Theoderichs auf der einen Seite zu Maria und dem Jesuskind, auf der anderen Seite zu Jesus hin schreiten.
Angeführt werden beide Prozessionen auf der einen Seite von den heiligen drei Königen und auf der anderen vom hl. Martin.

Die Stars von Sant’Apollinare Nuovo sind für mich die drei Weisen aus dem Morgenland in der Reihenfolge Balthasar, Melchior, Caspar mit ihren kostbaren Geschenken Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Einmal ist es der dynamische Vorwärtsschritt, der im Mosaik festgehalten wird. Dann auch der entschlossene Blick nach vorne, der ihre Mission ausdrückt. Sie sind als einzige im Profil dargestellt, was die Richtung ihres Gehens glaubwürdig macht.
Sie tragen ihre Geschenke in edlen Gefäßen und sind luxuriös gekleidet. Auffallend sind die roten phrygischen Mützen und ihre engen Hosen in verschiedenfarbigem Leoprint. Eine persische Tradition. Bis heute immer wieder modern. Die Farben sind kräftig und leuchtend.

Ihr Ziel ist Maria mit dem Jesuskind flankiert von jeweils zwei Engeln auf jeder Seite.
Sie sitzt auf einem goldenen Thron, der mit Edelsteinen verziert ist. Die Farben ihres Gewandes sind purpur/violett und gold, Farben des Königtums. Die Geste von Mutter und Sohn – die einer einladend geöffneten Hand – ist identisch. Ihre Blicke sind allerdings auf den Betrachter gerichtet, nicht auf die ankommenden Heiligen Drei Könige.

Hinter den Heiligen Drei Königen reihen sich 22 Märtyrerinnen auf. Sie tragen weiße Gewänder mit grün-braun- farbenen Überwürfen und halten jeweils einen Kranz in der Hand. Deren Innenseiten alternieren in grün oder orange. Alle stehen frontal zum Betrachter, haben fast identische Physiognomien, Frisuren und Blick. Vielleicht hat die eine oder andere den Kopf leicht geneigt. Das wirkt sehr stereotyp, stilisiert und schematisch.

Hafen und Stadt von Classe

Korrespondierend mit der linken Seite reiht sich gegenüber ein Zug der Märtyrer, angeführt vom Hl. Martin. Sie stehen ebenfalls frontal dem Betrachter zugewandt in weißen Gewändern, Kränze in der Hand haltend. Grüne und orangefarbene Innenseiten der Kränze wechseln sich hier auch ab. Die Figuren wirken genauso stereotyp wie die Reihe der Märtyrerinnen.

Ihr Ziel ist Jesus Christus, der auf einem reich verzierten Thron sitzt vor goldenem Hintergrund, die Füße auf einer goldenen Fußunterlage (Suppedaneum) gestützt. Wie die Szene gegenüber mit seiner Mutter und ihm als Kind. Er wird flankiert von jeweils zwei Engeln mit Botenstab und Band im Haar.
In der linken Hand hält Jesus ein Zepter (seit der Restaurierung von 1860. Ursprünglich hielt er ein offenes Buch mit der Aufschrift Ego sum rex gloriae in der Hand) und mit der rechten Hand macht er eine segnende Bewegung. Er und die ihn begleitenden Engel sitzen frontal zum Betrachter. Ihre Blicke sind auch auf den Betrachter gerichtet, nicht auf den ankommenden Zug der Märtyrer.

Am Palast des Theoderichs haben mich schon immer die Vorhänge amüsiert. Sie scheinen nicht so ganz da hin zu passen.
Der Palast hat ikonografische Veränderungen erfahren, z.B. das Entfernen von Figuren – den Kaiser und seine Familie.
Auffälligstes Beispiel hierfür sind die Überreste von Händen, die auf den Säulen (erste und dritte Säule links, linke Säule des Portals und zweite Säule von rechts) des Palastes erkennbar sind.
Nach der Eroberung Ravennas durch die Byzantiner wurde die Palastkapelle Theoderichs vom Bischof der Stadt konfisziert und im Zuge der Rekatholisierung offenbar stark umgestaltet. Die Prozession, die ursprünglich wohl Theoderich und seinen Hofstaat zeigte, wurde in eine Reihe von Heiligen umgewandelt. Auf diese Weise wurde versucht, die Erinnerung an die zuvor herrschende Schicht auszulöschen ( damnatio memoriae) und zu Gunsten der neuen Eliten der Stadt umzudeuten.
Das Mausoleum der Galla Placidia

Von 425 – 430 ließ die Kaiserin Galla Placidia, Tochter Theodosius I., das Grabmal noch zu ihren Lebzeiten errichten.
Um 450 stirbt sie in Rom und wird nie in ihr Grabmal in Ravenna überführt. Nach ihrem Tod wird das Mausoleum mit kostbaren Mosaiken ausgestattet.
Sein Grundriss entspricht einem lateinischen Kreuz und unter dem quadratischen Turm versteckt sich eine Kuppel, die sich erst nach dem Betreten offenbart.

Im Innern, das durch die Fenster aus Alabaster in ein mystisch-goldenes Licht getaucht ist, befinden sich prachtvolle Mosaiken, die die gesamte Fläche des Gewölbes und der zentralen Kuppel sowie die Wände an den Seitenenden der vier Flügel bedecken. Die Sockelzone besteht aus gelbem Marmor.

Die Darstellungen sind im spätantiken Stil ausgeführt, bei dem die Figuren und die Landschaft noch sehr naturgetreu und plastisch dargestellt sind.
Gegenüber dem Eingang wird der Heilige Laurentius dargestellt. Ihm hat Galla Placidia das Bauwerk auch geweiht. Typisch für diese Zeit ist es, zur Erkennung der Figuren und des Abgebildeten, symbolträchtige Attribute beizufügen.

Das Foto zeigt das im spätantiken Stil ausgeführte Mosaik des Heiligen Laurentius mit seinen Attributen, dem Evangelienbuch, dem Rost, auf dem er zu Tode gefoltert wurde, und dem Schrein mit den vier Evangelien des Markus, Lukas, Matthäus und Johannes.

Die früheste Darstellung des bartlosen Christus in Ravenna finden wir im Mausoleum der Galla Placidia.
Christus erscheint hier als der Gute Hirte in einer pastoralen Szene, die die Lünette über dem Eingang ausfüllt. Ausgestattet ist er mit Nimbus, Goldgewand, einem purpurnen Pallium und einem Kreuzstab, der den Hirtenstab ersetzt.
Die Darstellung visualisiert die Worte Jesu
Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein
Johannes 10, 11
Leben hin für die Schafe.


In den Gewölben und Lünetten finden sich Darstellungen von weißen Tauben, die aus einer mit Wasser gefüllten Schale trinken. Dies symbolisiert die erlösten Seelen und das Paradies.
Ich habe dieses Motiv für euch vergrößert. Es ist eines der Highlights in den Souvenirshops in Ravenna.
Fast ausschließlich mit der Aufschrift Ravenna.

Zwei Hirsche an einer Quelle. Das Wasser kräuselt sich. Die Quelle ist umgeben von Gras und Farn und strahlt eine idyllische Atmosphäre aus. Der Hirsch kann für die Seele des Gläubigen stehen, der sich nach Gott, d. h. dem Wasser, das den spirituellen Durst löscht, sehnt.
Wie der Hirsch schreit nach
Psalm 42,1
frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Darüber das Christusmonogramm in griechischen Buchstaben verbunden mit den Zeichen Α und Ω:
Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende (Offb 22,13).
Umrahmt wird das Monogramm von üppigen Ranken und eingerahmt wird das ganze Bild von einem Mäandermuster.



Die Bordüren in dem Mausoleum haben mich sehr beeindruckt. Knallige Farben bei dem Mäandermuster, blau-türkis- und Goldtöne in dem grafischen Muster in der Mitte und der filigrane Korb, aus dem Granatäpfel und Weintrauben sich mit ihrem Blattwerk ranken.

Die zentrale Kuppel ist tiefblau und zeigt Hunderte von goldenen Sternen, die sich kreisförmig um das große Kreuz formieren. Es symbolisiert den Himmel und das ewige Leben. In den vier Ecken befinden sich die vier Evangelisten, repräsentiert durch ihre Symbole: geflügelter Mensch/Engel für Matthäus, Löwe für Markus, Stier für Lukas und Adler für Johannes. In den vier die Kuppel umgebenden Lünetten sieht man je zwei Apostel. Jeweils links und rechts neben einem Alabasterfenster. Darunter jeweils eine Schale, aus der zwei Tauben Wasser trinken (s. Vergrößerung oben).
Das Mausoleum der Galla Placidia ist ein echtes Schatzkästchen. Auf kleinstem Raum wird ein funkelndes Farbspiel mit magischem, durch die Alabasterfenster gefiltertem Licht inszeniert, das mich begeistert hat.
San Vitale
Die Kirche San Vitale ist aus dem für Ravenna typischen, einfachen roten Ziegelstein gemauert und wirkt von außen massiv.
Die Gliederung des Außenbaus erfolgt durch Lisenen (Mauerblenden) und Blendarkaden.
San Vitale wurde als achteckiger Zentralbau entworfen. Den Kern des Gebäudes bildet ein oktogonaler, überkuppelter Zentralraum.

Den Übergang zwischen Narthex und Oktogon bilden zwei Zwickelräume, die von je einem Treppenturm flankiert werden, über die man die Emporen erreicht.
Der Kern des Zentralraums wird durch acht Pfeiler, die die Kuppel tragen, ebenfalls als Oktogon definiert. Den Raum zwischen den Pfeilern füllen durch zweisäulige Arkaden gegliederte, halbrunde Nischen, die sich auch in den Emporen fortsetzen.
Die Kuppel, mit einem Durchmesser von 15,70 m, ruht auf einem achteckigen, durchfensterten Unterbau (Tambour). Sie wurde in Leichtbauweise aus Ringen von Tonröhren errichtet und nach außen mit einem Pyramidendach überdeckt.
San Vitale wurde zum Vorbild für die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen (795-800).

Grundriss von San Vitale
Betritt man den Innenraum, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Man wird überwältigt von der gewaltigen Architektur und dem mit farbenfrohen Mosaiken übersäten Altarraum.
Für Ecclesius (Gründer der Kirche, 525) war es bei der Ausstattung seiner Kirche offenbar wichtig, den sakralen Bereich besonders hervorzuheben, um den Gläubigen eine beeindruckende visuelle und spirituelle Erfahrung zu vermitteln.



Die beiden bekanntesten und oft reproduzierten Mosaiken sind die Darstellung des Kaiserpaares Justinian und seiner Frau Theodora mit Gefolge an den Apsiswänden links und rechts (siehe mittleres Foto oben).

Wer auf diesem Mosaik das Sagen hat, ist eindeutig. Kaiser Justinian steht standfest, breitbeinig und selbstbewusst im Zentrum der Komposition. In Purpur gekleidet, mit edler Spange. Mit Diadem und Gloriole ausgestattet. Die Augen blicken starr geradeaus.
Dass er dabei dem Herrn rechts neben ihm mit seinen edelsteinbesetzten Schuhen auf den Fuß tritt, ist unwichtig.
In der Hand hält Justinian eine goldene Schale (Patene) für das Brot der Eucharistie.
Die Gewänder der Wachsoldaten sind auffällig bunt. Sie tragen einen dunkelgrün- blauen Schild mit dem goldenen und mit grünen und blauen Steinen besetzten Christusmonogramm vor sich. Hier wird im Namen Jesu gekämpft.
Weihbischof Maximinian sucht es dem Kaiser gleich zu tun. Das gelingt ihm offenbar nicht ganz, obwohl er sich in Position bringt und seinem Nachbarn zur Linken auch auf dem Fuß steht.
Er hält ein mit Edelsteinen besetztes Kreuz in der Hand. Sein Name ist über seinem Kopf inskribiert.
Die Person am rechten Rand trägt ein Weihrauchgefäß. Die ganze Szene wirkt angespannt.
Das Mosaik etabliert die zentrale Position des Kaisers zwischen der Macht der Kirche und der Macht der kaiserlichen Verwaltung und des Militärs. Wie die römischen Kaiser der Vergangenheit hat Justinian religiöse, administrative und militärische Autorität.

Zwischen den Säulen mit ihren ziselierten, eindrucksvollen Kapitellen hindurch sieht man auf das Gegenstück: das Mosaik mit Kaiserin Theodora und ihrem Gefolge.

Kaiserin Theodora präsentiert sich vor einer sehr prunkvollen, spätantiken Architektur. Gold und Grün sind die bestimmenden Farben, so auch die muschelartige Nische (Konche) hinter ihr, die sie als Gemahlin Justinians hervorhebt. Ihr Nimbus, die prachtvolle Krone und ihr purpurnes Gewand verdeutlichen, dass sie auch ein Teil des kaiserlichen Gottesgnadentums ist. Tatsächlich nahm Theodora, obgleich einfacher Herkunft, oft bei politischen und sakralen Entscheidungen großen Einfluss auf den Kaiser.
[ … ] eine bedeutende Herrscherin, die einen ebenbürtigen Platz neben Justinian einnahm und eine entscheidende Rolle in der Regierung spielte, eine Frau von überlegenem Geist, seltener Tatkraft und bewundernswertem Mut.
Liselotte von Eltz-Hoffmann
Die heiligen drei Könige auf der Bordüre ihres Umhangs entsprechen mit ihren phrygischen Mützen seitenverkehrt ganz der Darstellung in Sant’Apollinare Nuovo, mit der Maximian Teile von Theoderichs Mosaiken gegen Märtyrerprozessionen ausgetauscht hatte.
Bunte Stoffe sind dekorativ über Theodoras Hofdamen drapiert, während man links hinter einem bestickten Vorhang einen sprudelnden Springbrunnen entdeckt.
Mit ihren sakralen Geräten gehören beide Gruppen einer liturgischen Prozession an.
So trägt der Kaiser die goldene Schale (Patene), Theodora den prunkvollen Messkelch.

In der Apsiswölbung (Apsiskalotte) über den beiden Kaisermosaiken thront Christus vor goldenem Hintergrund als Weltenherrscher (Pantokrator) auf einer Weltkugel mit dem Evangelium in der Hand.
Am linken Bildrand wird der Hl. Vitalis, der Titelheilige der Kirche, von einem vermittelnden
Engel zu Christus geführt, um die Märtyrerkrone mit verhüllten Händen vom Weltenherrscher zu
empfangen.
Rechts präsentiert sich Bischof Ecclesius als Auftraggeber von San Vitale mit einer Miniatur
des Bauwerks.
Aus einem Felsen unter dem thronenden Christus entspringen die vier Paradiesflüsse Pischon,
Gihon, Tigris und Euphrat. Es sind die vier Hauptflüsse im Garten Eden, die Gott am Anfang der
Weltgeschichte geschaffen hat: Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt
er sich und wird zu vier Hauptflüssen …(Gen. 2,10-14).
Über der Gruppe schweben blaue und zartrote stilisierte Wolken, die eine entrückte Atmosphäre zaubern.
Eingerahmt wird das Mosaik durch üppige Bordüren.

Bei diesem Mosaik sind mir von unten zunächst die wunderschönen Kapitelle und Kämpferblöcke und floralen Muster auf den Arkadenbögen aufgefallen, bevor ich mir das Mosaik darüber angeschaut habe.
Es schildert zwei Szenen aus dem abenteuerlichen Leben Abrahams, dem Stammvater der drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam.
2/3 der Szene widmet sich der Gastfreundschaft Abrahams und Sarahs gegenüber den drei Gästen, offenbar Gottesboten.
Die verkünden Abraham zum Abschied, dass er binnen eines Jahres Vater wird. Und so wird die 90jährige Sara mit Isaak schwanger. Durch den Bund mit Gott war Abraham davon überzeugt, dass die Prophezeiung eintritt, Sarah eher nicht . . .
Das rechte Drittel zeigt die Szene, wo Abraham bereitwillig der Aufforderung Gottes nachkommen will, seinen Sohn Isaak auf dem Altar zu opfern und erst kurz vor dem Akt des Tötens mit dem Schwert von Gott zurückgehalten wird (s. die rechte Hand Gottes, die sich vom Himmel zeigt).
Als Frau und Mutter empfinde ich diese Geschichten als sehr befremdlich. Wer denkt sich solche Narrative aus? Sie sagen jedenfalls viel über die Gedankenwelt der Autoren und ihrer Zeit aus.
Über den Abrahamsszenen sieht man links Jeremias mit Schriftrollen und rechts empfängt Moses die Gesetzestafeln.

Ausschnitt: ziselierte Kapitelle und unterschiedliche farbenfrohe Muster in den Wölbungen der Arkaden und darüber der aufgeklappte Fächer in grün-gold. Das ist traumhaft schön!

Im vorrangig goldenen Kreuzrippengewölbe des Presbyteriums sehen wir im Scheitelpunkt ein Medaillon mit Opferlamm und Heiligenschein.
Das Medaillon wird von vier auf einem Globus stehenden Engeln getragen, die Gewölbekappen sind mit reichen Akanthusranken und mit Tieren ausgefüllt. Sie werden durch Frucht- und Blumengirlanden eingeteilt.
Ein eindrucksvolles Apsisgewölbe! Mehr fasziniert hat mich allerdings der Sternenhimmel im Mausoleum der Galla Placidia.
San Vitale ist definitiv eine Herausforderung für den Nacken durch das permanente Schauen nach oben und für die Augen, die überquellen vor Farbreizen, Mustern und der gigantischen Architektur.
Zeit, es sich in der Pause in einem Innenhof mit kleinem Springbrunnen bei einem Spritz und ein paar Antipasti gemütlich zu machen und die Eindrücke sacken zu lassen.

Sant’Apollinare in Classe

Nach der üppig ausgestatteten, überwältigenden Kirche San Vitale ist Sant’Apollinare in Classe eine wahre Erholung.
Die dreischiffige Säulenbasilika zentriert die Blicke des Betrachters auf das Mosaik in der Apsis.
Die Fensterreihen der Mittelschiffe, Bordüren mit Medaillons und rundbogigen Säulenarkaden geleiten den Blick durch ihre Rhythmisierung in den Chor und die Apsis. Dadurch, dass die Basilika so hell ist, strahlt sie eine gewisse Leichtigkeit aus.

Schon von Weitem erstrahlt in der Mitte das juwelenbesetzte Goldkreuz in der Mitte (Verklärung Christi) vor einem Sternenhimmel, der durch einen goldenen Kreis zum Leuchten gebracht wird. Die ganze obere Hälfte des Gewölbes schimmert goldfarben.
Die untere Hälfte präsentiert eine pastorale, paradiesische Landschaft, auf der weiße Schafe weiden.
Eine friedliche, harmonische und optimistische Szene.


Die Säulen ruhen auf quadratischen Säulenplinthen. Die Kapitelle sind mit windbewegten Akanthusblättern verziert und die Verbindung zu den Arkaden bilden Kämpferblöcke. Sowohl die Säulenplinthen als auch die Kämpferblöcke, die ihre Aufgabe schon im Namen tragen, dienen hauptsächlich der Lastenverteilung.

Kommt man näher an das Mosaik heran, erkennt man genauer die strenge Axialsymmetrie des gesamten Mosaiks und seiner Umrahmung (von der Mitte des dritten Fensters durch Apollinaris, das Kreuz, Gottes Hand und das Medaillon Christi).
Direkt unterhalb des Kreuzes, das in der Mitte ein Christusportrait zeigt, steht der hl. Apollinaris in Gebetshaltung flankiert von 12 Lämmern (jeweils sechs auf jeder Seite), die seine Gemeinde darstellen. Sein Pallium war aus Wolle angefertigt und ersetzte symbolisch das Lamm, das der Bischof im übertragenen Sinn auf den Schultern trägt.
Das Bild des Heiligen im Zentrum der Apsisdekoration hat wahrscheinlich nicht nur religiöse, sondern auch politisch-propagandistische Bedeutung.(https://www.geschkult.fuberlin.de/e/fmi/bereiche/mittelalter/ab_esders/lehre/Exkursionen/monumente/S_Apollinare_in_Classe.html)
Unterhalb von Apollinaris erstreckt sich eine Fensterreihe. Zwischen den Fenstern sind vier ravennatische Bischöfe dargestellt (Ursicinus, Severus, Ursus, Ecclesius).
Oberhalb sind links und rechts des Kreuzes Moses und Elias positioniert. Und die Hand Gottes erscheint durch die schwebenden Parusiewolken, die ein Symbol für die Wiederkunft Christi (= Parusie) zur Vollendung des Reichs Gottes sind.

Darüber schreitet eine Gruppe von 12 Lämmern, jeweils 6 aus Bethlehem und 6 aus Jerusalem in Richtung Christus, der mittig oberhalb in einem Medaillon zu sehen ist. Begleitet jeweils von 2 Evangelisten links (Johannes und Matthäus) und rechts (Markus und Lukas) von ihm.
Wiederum umschwebt von blauen und roten Parusiewolken.

Das war schon eine Tour de Force durch die frühchristliche und byzantinische Mosaiklandschaft!
Aber so geballt, wie ich sie hier zusammengestellt habe, haben wir sie auf der Reise nicht erlebt.
Da gab es großzügige Pausen, in denen man es sich gut gehen lassen konnte, und ich habe auch immer mal wieder nach street art Ausschau halten können und wurde durchaus fündig!
Gleichzeitig bin ich froh, dass ich die Kunstform Mosaik und ihre einzigartige Umsetzung in Ravenna habe so kompakt erleben können. Das war für mich ein großartiges Stück Kulturgeschichte in italienischem Ambiente.
Ravenna solltet ihr euch gönnen!
